Was ist Entspannung? Etwas, das dir immer schwerer fällt? Eine Challenge? Etwas, das du aktiv erreichen musst? Achtung, Denkfehler. Nicht entspannen zu können, ist keine Frage von Disziplin. Es ist eine Frage von Sicherheit.
Die Medien suggerieren uns, dass „Entspannen“ etwas ist, das man „tun“ muss. Entspannung erscheint uns deshalb als Fähigkeit, die man trainieren muss. „Wenn ich mich nur genügend anstrenge und täglich alle „Live Hacks“ absolviere, dann bin ich endlich entspannt.“ Öhm, klingt das nicht ein bisschen schräg?
Entspannung kommt nicht von außen
Wie es wirklich ist: Entspannung ist keine erlernbare Fähigkeit. Nichts, was du erreichst, wenn du dich nur genügend anstrengst. Sie taucht auch nicht automatisch auf, wenn du auf Urlaub fährst. Entspannung ist einer unserer Zustände unseres Nervensystems. Und dieser Zustand entsteht nur dann, wenn dein Körper sich sicher fühlt. Und zwar automatisch.
Nicht entspannen können ist keine Schwäche
Das bedeutet, dass es nichts mit mangelnder Disziplin zu tun hat, wenn du nicht abschalten kannst. Es ist auch kein Zeichen von Schwäche.
Es ist ein Nervensystem, das im Laufe deines Lebens gelernt hat: „Ich muss wachsam bleiben“. „Ich muss mich schützen.“ „Ich darf nicht loslassen, sonst komme ich in Lebensgefahr.“
Frühes sicheres Umfeld
Oft lernen wir diese unbewussten Botschaften schon sehr früh, wenn es für uns wirklich lebensgefährlich ist, wenn unsere Bezugspersonen uns nicht gut versorgen. Es passiert zum Beispiel, wenn wir als Kinder allein gelassen wurden (z.B. im Krankenhaus). Oder, wenn sich unsere Bezugspersonen nicht gut um uns gekümmert haben, weil sie selbst mit psychischen Problemen, Trauma oder Sucht zu kämpfen hatten.
Frühes sicheres Umfeld
Wenn du in deiner Familie nicht liebevoll behandelt wurdest, sondern körperliche oder psychische Gewalt erfahren hast, steckt dein Körper auch im Erwachsenenalter in einem inneren Alarmzustand fest und wird Entspannung nicht zulassen.
Denn dein Nervensystem ist felsenfest davon überzeugt, dass Lockerlassen gefährlich ist. Es hält dich im Alarm-Modus, immer bereit zu Kampf, Flucht oder Erstarrung.
Chronische Krankheiten
Damit bist du nicht allein. Viele Menschen pendeln zwischen Kampf, Flucht und Erstarrung, ohne jemals richtig entspannen zu können. Von außen betrachtet, erscheinen sie vielleicht völlig normal, innerlich aber laufen alle ihre Systeme auf Hochbetrieb und lassen sie nie zur Ruhe kommen.
Was einst in einer Gefahrensituation sinnvoll war, macht dich heute nur noch müde. Neben einer tiefen Erschöpfung, verursacht ein dauerhaft angespanntes Nervensystem auch viele chronische Beschwerden, wie Verdauungsprobleme, Asthma, Migräne oder Autoimmunerkrankungen. Außerdem kompensieren wir diesen Zustand oft mit Süchten oder Zwangshandlungen.
Sicherheit im Hier und Jetzt
Entspannung ist also kein Verhalten, das du lernen kannst. Entspannung ist eine automatische Reaktion, direkt aus deinem unbewussten Reptiliengehirn, die erst dann ausgelöst wird, wenn dein Nervensystem erkennt: „Ich bin jetzt gerade sicher.“
Was kannst du tun?
Zuerst einmal: hör auf, dich selbst zu verurteilen, dass du so angespannt bist. Die Frage ist nicht, warum du so angespannt bist.
Stattdessen kannst du einfach mal beobachten, wo sich deine Anspannung gerade am stärksten zeigt. Ist sie in deinem Kiefer, deinem Nacken? Oder fühlst du sie als Druck auf der Brust oder im Bauch?
Und dann lass deine Aufmerksamkeit auf dieser Stelle ruhen, ohne etwas verändern zu wollen. Ist das möglich? Manchmal kann es ganz schön schwierig sein, einfach einen Zustand zu akzeptieren. Wenn du abschweifst, kehre einfach mit deiner Aufmerksamkeit wieder zu dieser Stelle zurück, ohne sie zu bewerten.
Und dann kannst du dir folgende Fragen stellen:
„Was versucht mein Nervensystem jetzt gerade zu beschützen?“
„Was würde passieren, wenn ich jetzt sicher wäre?“
„Was braucht mein Körper jetzt, damit der sich sicher fühlen kann?“
Manchmal entsteht Entspannung dann, wenn wir einfach anerkennen, dass dein System gerade alles tut, um dich zu schützen.
Wie geht es dir mit dieser Übung? Schreib mir gerne!