No more Live Hacks!
Social Media hat täglich unzählige „Live Hacks“ zur Nervensystemregulation für uns, mit denen wir es angeblich sofort schaffen, uns ab jetzt immer gut zu fühlen. Bullshit 🙂
Fangen wir einmal ganz von vorn an.
Was ist Nervensystemregulation überhaupt?
- Die Aufgabe deines vegetativen Nervensystems ist es, dich 24×7 in Sicherheit und am Leben zu halten.
- Dein Betriebssystem, das dafür sorgt, dass dein Herz schlägt, deine Lunge atmet und deine Verdauung aus Nahrung Nährstoffe zieht und den Rest wieder entsorgt.
- Dein Live Guard, der permanent die Umgebung auf potenzielle Gefahren scannt und automatisch Rettungsmaßnahmen einleitet, wenn dein Leben bedroht ist.
- Dein Körperspürsystem, das emotional stark reagiert, wenn etwas davon nicht passt.
Deshalb ist Nervensystemregulation NICHT:
- Dich gut fühlen zu müssen
- Dich ständig zu beruhigen
- Dadurch deine Emotionen zu vermeiden
Was Nervensystemregulation wirklich bedeutet
Nervensystemregulation bedeutet stattdessen, Sicherheit zu schaffen, in der du auch bei starken Emotionen im Körper bleiben kannst, ohne dich zu verlieren, damit dein Nervensystem seine Arbeit machen kann. Was du dafür brauchst, ist die Fähigkeit dich selbst in deinem Körper zu halten, oder auch „Containment“.
Raum halten mit Containment
Der Begriff „Containment“ wurde 1963 vom britischen Psychotherapeuten Wilfred Bion geprägt. Containment ist die Sprache, die unser Nervensystem versteht, und zwar unmittelbar, noch bevor unser Verstand beginnt, etwas zu erklären. Wenn ein anderer Mensch für uns da ist und uns sogar körperlich „hält“, dann hilft sein ruhiges Nervensystem durch Sicherheit, Präsenz und Regulation, unserem aufgewühlten Nervensystem dabei, sich sicherer zu fühlen. Containment findet ständig im Alltag statt, ganz ohne therapeutische Umgebung. So hört uns zum Beispiel ein Freund zu, wenn wir über Sorgen sprechen, bleibt ruhig und hilft, das Chaos in Worte zu fassen. Oder Eltern, begleiten ihr Kind bei Angst, geben ihm Sicherheit und helfen, die Situation gemeinsam zu verarbeiten. Im Shiatsu halten wir über Berührung und absichtsloses Lauschen den Raum für schwierige Gefühle, starke innere Zustände und körperliche Aktivierung.
Self-Containment
Was können wir aber tun, wenn wir keinen anderen „sicheren“ Menschen zur Verfügung haben? Wir können Containment in uns selbst schaffen. Peter Levine sagt, dass jeder Mensch in der Lage ist, sich selbst zu halten, das heißt, körperliche Empfindungen wie schnellen Herzschlag, Enge im Atem oder innere Unruhe wahrzunehmen, ohne dabei sofort in überwältigende Emotionen, Angst oder Kontrollverlust hineinzurutschen.
Viele von uns haben aber den Kontakt zu sich selbst verloren und bekommen deshalb Angst vor Empfindungen, wie schnellem Herzschlag oder Druck auf der Brust, weil sie nie gelernt haben, diese Empfindung zu halten, zu begleiten und innerlich zu regulieren.
Erst Self-Containment ermöglicht es uns, mit Ruhe und Sicherheit in den eigenen Körper hineinzuspüren uns körperliche Empfindungen zu halten. Daraus darf die Erkenntnis entstehen, dass der Körper nicht unser Feind ist, sondern uns etwas mitteilen will.
Self-Containment kann man üben, zum Beispiel durch bewusstes Atmen, durch Übungen zur Körperwahrnehmung oder einfach durch einfache tägliche Momente von Stille. Auf diese Weise kann ich die Fähigkeit entwickeln, die eigenen Gefühle auszuhalten, zu verarbeiten und zu integrieren, ohne auf externe Hilfe angewiesen zu sein.
Wenn du mehr über Containment und deinen inneren Raum lernen möchtest, komm in meinen nächsten Workshop!