Hast du oft Gefühlschaos und überbordenden Emotionen? Vielleicht schaust du mich jetzt fragend an und denkst dir: “Was meint sie genau damit?“ Vielleicht bist du eher rational und hast mit Gefühlen gar nicht so viel am Hut? Betrachtest sie eher aus der Distanz bei anderen, milde amüsiert und oft ein bisschen verständnislos? Willkommen im Alexithymie-Club!
Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mir in meiner Kindheit emotionales Verhalten immer wieder bei anderen „abgeschaut“ habe. Ich habe andere Menschen sehr genau beobachtet und gelernt, welches Verhalten sozial von mir erwartet wird. In welchen Situationen man lächelt. Wann es angebracht ist, Mitgefühl zu zeigen. Wann man betroffen wirkt. Schon damals hab mich gefragt, warum ich das mit den Gefühlen eigentlich nicht „aus mir selbst heraus kann. Heute weiß ich, dass das Alexithymie ist, die „Schwierigkeit, Gefühle zu fühlen“.
Kinder lernen Gefühle nicht automatisch
Menschen mit Alexithymie haben früh gelernt, Gefühle lieber nicht wahrzunehmen, oder sie durften sie vielleicht auch nicht ausdrücken. Vielleicht waren ihre Bezugspersonen selbst nicht fähig, Gefühle auszudrücken, litten unter chronischem Stress oder konnten aufgrund eigener traumatischer Erfahrungen keine emotionale Bindung zu ihren Kindern aufbauen.
Kinder lernen Gefühle aber nicht automatisch. Sie lernen sie über Beziehung. Sie brauchen ein Vorbild, einen Erwachsenen, der ihre inneren Zustände spiegelt und benennt. Fehlt das, gibt es keine Begriffe und damit auch keine Wahrnehmung von: „Du bist traurig.“ „Du hast gerade Angst.“ „Du bist wütend.“
Und auch nicht von „Komm her, ich halte dich, bis das Gefühl gehen darf.“Sie bekommen keine Co-Regulation.
Fehlt aber diese Resonanz, findet emotionales Erleben keine Sprache, Sie bleibt rein körperlich und drückt sich über das Nervensystem aus, in Anspannung, körperlichen Beschwerden und Krankheiten.
Körperliche Reaktionen
Menschen mit Alexithymie wirken oft rational, kontrolliert oder emotional distanziert. Sie entwickeln, um in der Gesellschaft zu funktionieren eine Art „erlernte Pseudoemotionalität“. Das bedeutet nicht automatisch Manipulation oder böse Absicht. Vielmehr ist es ein verzweifelter Versuch, dazuzugehören und nicht aufzufallen.
Sie fühlen nämlich durchaus etwas. Sie können oft nur nicht benennen, was. Oft sind die Empfindungen sehr körperlich: Anspannung, Druck, Unruhe oder Überforderung. Statt zu merken: „Diese Reaktion verletzt mich“ oder „Ich fühle mich beschämt, traurig oder wütend“, nehmen sie oft nur körperliche Symptome wahr: Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Innere Unruhe, Erschöpfung. Die Verbindung zwischen Gefühl und körperlicher Reaktion fehlt.
Emotional distanzierte Partner
Schwierig wird das dann oft in Beziehungen. Ihre Partner beschreiben sie als Kopfmenschen, analytisch, zynisch, kühl oder schwer erreichbar. Das bedeutet nicht, dass sie nicht lieben. Sie können ihre Gefühle nur oft selbst nicht gut spüren und auch schlecht ausdrücken. In Beziehungen erlebt sich der andere Partner dann oft, als zu empfindlich, zu emotional, zu fordernd. Dabei erlebt er tatsächlich ständig einen emotionalen Kontaktabbruch, mit dem sein Nervensystem nicht umgehen kann.
Das macht diese Dynamik für beide Seiten so schwierig. Der eine erlebt emotionalen Mangel. Der andere versteht oft nicht einmal, was eigentlich fehlt.
Emotionale Wahrnehmung kann man lernen
Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch sagen:“ Es ist nicht alles so schwarz-weiß und schon gar nicht hoffnungslos. Denn: Emotionale Wahrnehmung kann man lernen. Mit einem Partner, der nicht mit Druck und Vorwürfen reagiert, sondern mit Präsenz und klaren Grenzen. Der in einer sicheren Beziehungserfahrung immer wieder Gefühle spiegelt und benennt.
Auch traumasensible Begleitung und Körperwahrnehmung helfen, um Schritt für Schritt seine emotionale Sprache zu finden und zu entwickeln. Oft braucht es einen sicheren Raum, in dem Gefühle überhaupt wieder gespürt werden dürfen. In dem vielleicht zum ersten Mal klar wird: „Das hier ist Angst“, „das hier ist Scham“, „hier fühle ich Trauer“ „das hier ist Nähe“. Und inmitten dieser neuartigen Empfindungen steigt eine Erkenntnis auf: „Das hier bin ich.“
Wenn du mehr zum Thema erfahren möchtest, schau auch mal bei Petra Sewing-Mestre von der Frauenakademie Luzern vorbei, sie hat mich zu diesem Text inspiriert. https://frauenakademie-luzern.ch/